Besser als Heroin
Meine Droge des Jahres ist Kollektive Begeisterung
Ich würde mich, was Drogen im Allgemeinen angeht, nicht als besonders offen bezeichnen. 2013 hatte ich eine länger andauernde Addiction mit Papayango-Aufstrich, so einnehmend, dass ich sie in einem Post mit meinen Facebook-Freunden teilen musste. Ansonsten sind Alkohol und Serienstreamen mein Gift der Wahl. Und trotzdem hatte in letzter Zeit einige krasse Highs.
Sie waren nicht auf Substanzen oder Konsum zurückzuführen, sondern auf Momente, in denen ich mich als Teil von etwas Großem empfand. Ich war so drauf auf Gemeinschaft und Hoffnung, dass ich hätte weinen können vor Verbundenheit. Der wissenschaftliche Term dafür ist Collective Effervescence. Das vom französischen Soziologen Émile Durkheim geprägte Konzept beschreibt die Verstärkung von Gefühlen, die durch gemeinsam erlebte Rituale oder Aktivitäten entsteht, beispielsweise im Gottesdienst, bei Konzerten oder Demos. Kollektive Begeisterung vermittelt das Gefühl von Einheit und ist ein Treiber von sozialer Solidarität.
High on Hoffnung
Die Naturschutztage geben mir immer Aufschwung und positive Impulse für einen guten Start ins neue Jahr, in dem bestimmt wieder viele wirtschaftsfreundliche, aber natur- und umweltbelastende Entscheidungen getroffen werden. Es gibt mir einen Sinn von Gemeinschaft, den Gläubige vielleicht im Gottesdienst finden, mich in einer Gruppe Gleichgesinnter weiterzubilden. Zum Auftakt der vier Tage zeigte Sebastian Vollmar die Mut machenden Realutopien von Reinventing Society, aber zuerst setzte er sich mit seiner Gitarre auf die Bühne, um mit uns gemeinsam zu chanten. Einige stimmten herzlich mit ein, viele saßen wie ich peinlich berührt da. Während der stärker werdende Chor zwei Sätze immer wieder sang, merkte ich, wie mein Unbehagen sich an die Schwingungen im Saal anglich und ich zur Ruhe kam. Da die anderen noch nicht aufgehört hatten, stimmte ich selbst mit ein: „All I have to do is open my heart wider than ever before.“ Vielleicht war es das, was ich mal verinnerlichen musste.
Mit offenem Herzen marschierte ich am Weltfrauentag durch die Stadt und lächelte freundlich die vielen Einkaufenden an, die sich in ihrem Samstag gestört fühlten durch unsere lauten Forderungen nach Gleichberechtigung, dem Recht auf körperliche Selbstbestimmung und einem Leben ohne Gewalt. Ich ging direkt hinter der queeren Marching Band, die mit rosa Outfits und Karnevalpercussion schlechte Vibes einfach wegtrommelte. Eine Bekannte ließ sich zurückfallen, um mit mir zu gehen. Wir grinsten uns an, sie legte wortlos ihren Arm um meine Schulter. Verbundenheit erfordert weder Gleichheit noch Intimität: geeint durch den gemeinsamen Zweck kann sie mit völlig Fremden entstehen.
Warm, geborgen und freudig erregt
Dann kam mein erstes Mal Fusion, ein Musikfestival, auf dem ganz anderes Zeug konsumiert wird, als ich gewohnt bin. Mehr als die schöne Zeit mit meinen Freund*innen und das tagelange therapeutische Tanzen hat mich beseelt, im ConTent dicht an dicht mit anderen weitgehend nüchtern wirkenden Festivalbesucher*innen Maja Göpel zuzuhören. Sie sprach über einen Weg aus der Endlosspirale der Machtlosigkeit, in der sich ein Großteil der Welt gerade wiederfindet. Um mich herum Menschen, die meine Werte und Hoffnungen teilten. Unsere gemeinsamen Ängste wurden im Vortrag der Transformationsforscherin aufgegriffen und besänftigt. Wir applaudierten so lange, bis auch sie ganz gerührt war. Ich schwebte zurück aufs Festivalgelände in einer wohligen Wolke der Zuversicht, dass doch noch nicht alles verloren ist.
Beim Bingen von Mad Men kam ich unlängst zur Folge, in der Don Draper eine frühere Geliebte fragt, wie es sei, Heroin zu nehmen. Sie antwortet: „It’s like drinking a hundred bottles of whiskey while someone licks your tits“, und genauso würde ich kollektive Begeisterung beschreiben. Ohne die ungesunden Nebenwirkungen.*