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Sharing is Caring

Neue Wege für einen alten Schwarzwaldbauernhof


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Als wir zum ersten Mal Urlaub auf dem Mooshof machen, finden wir im Hofladen nur noch Wurstprodukte und Eier. Das Milchvieh ist umgestellt auf Mutterkuhhaltung und obwohl es im Gebäude nach Käseproduktion riecht, steht diese still. Erika Günter und ihr Mann warten auf die nächste Generation, denn ihre Töchter wollen den Hofbetrieb nicht selbst weiterführen. Viele Schwarzwaldbauernhöfe werden nicht mehr traditionell bewirtschaftet – wie sieht also die Zukunft aus? Erika hat mit ihrer Familie einen Weg gefunden, den Hof als Gemeinschaft weiterzuführen: in einem Sharing-Modell.

Bei unserem ersten Besuch auf dem Mooshof kommt Erika mir im Platzregen entgegen. Ich habe mich am Wohngebäude der Familie untergestellt und erlebe mein erstes Schwarzwaldgewitter, Blitze tanzen auf den uns umringenden Bergketten und ihr Donner rollt ins Tal. „Die eine Hälfte ist versorgt, jetzt muss noch die zweite Hälfte in den Stall“, ruft sie lachend und taucht kurz ins Trockene ab. Gleich darauf erscheint sie wieder mit einer Regenjacke und spurtet die Weide hinunter, auf der sich die Kuhherde bis ganz unten in die Nähe eines Wäldchens verzogen hat. Aus dem Regen wird prasselnder Hagel, der die Geräuschkulisse noch verstärkt. Mein Sohn und ich warten und spähen, und da kommen die ersten Kühe angaloppiert, in dramatischer Slow Motion. Matsch spritzt um die Hufe und Tropfen prallen an ihren massiven Körpern ab. Sie biegen vor uns ab zum Stall. Ganz zum Schluss stapft auch Erika wieder die Anhöhe hinauf, tropfnass und mit schlammigen Gummistiefeln. Die Kühe würden sowohl Gewitter als auch Hagel draußen überstehen, aber die Bäuerin liebt diese Tiere mehr als ihren eigenen Komfort.

Investitionen in eine nachhaltige Zukunft

Seit 33 Jahren halten die Günters auf dem Hof Milchvieh für die hauseigene Käserei und zur Fleischerzeugung. Aufgewachsen auf dem Bauernhof, macht Erika eine Ausbildung zur Industriekauffrau und verbringt mit ihrem Mann Josef Zeit im Niger in der Entwicklungshilfe. Wieder zuhause, übernehmen die beiden den elterlichen Hof und werden direkt Bioland-Partner. „Warum bio?“, frage ich Erika. Sie antwortet, sie habe sich schon früh mit biologischer Landwirtschaft beschäftigt und den Hof konventionell zu führen sei keine Option gewesen. Es sind die 80er – die Biobewegung kommt gerade auf. Eine Schulkameradin eröffnet zur selben Zeit den Bioladen im nahen Schramberg. Die breite Masse interessiert sich jedoch damals wie heute nicht für Bio-Milchprodukte und -fleisch aus dem Schwarzwald. Im Umkreis gibt es keine Molkerei, die Biomilch verarbeitet, so liefert Erika zehn Jahre lang Bioland-Milch für den Preis von konventioneller. Gleichzeitig baut sie sich ein eigenes Netzwerk an Abnehmer*innen und einen treuen Kundenstamm für die selbst hergestellten Milchprodukte und Käsesorten in der Region auf.

Familie Günter ist Nachhaltigkeit wichtig, gleichzeitig sind Erika und Josef sehr praktisch denkende Geschäftsmenschen. Seit Jahrzehnten investieren sie in die nachhaltige Erhaltung des Hofes: In alternative Energieerzeugung, aber auch Renovierungen, um das Leben für spätere Generationen komfortabel zu gestalten. Sie setzen im Wohnhaus den Dachstuhl auf, um eine barrierefreie Wohnebene einzuziehen, die erstmal als Ferienwohnung genutzt wird. Und bauen einen neuen Laufstall, obwohl abzusehen ist, dass sie ihn nicht mehr lange nutzen werden – um den weiterführenden Parteien den Einstieg zu erleichtern und damit attraktiver zu machen. Denn ihre beiden Töchter haben sich für eine Zukunft abseits der Landwirtschaft entschieden. In einem langwierigen Findungsprozess steckte die Familie mithilfe eines Coachs mögliche Lösungen für den Erhalt des Mooshofs ab. Der Hof geht an die Töchter über, die eine GbR gründen. Er soll weiterhin als Zuhause und Lebensgrundlage für die Eltern im Ruhestand und als Rückzugsort für die Töchter dienen. Erika und ihr Mann wollen endlich kürzertreten, auch mal Freiheiten genießen, in Urlaub fahren. Seit einigen Jahren suchen die Günters darum eine andere Familie, die auf dem Hof einzieht und das Milchvieh und die Käserei übernimmt.

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Ein Ort der Gemeinschaft: Bald teilt Erika Günter den Mooshof nicht nur mit ihrer Familie und Feriengästen, sondern auch mit der neuen Pächterfamilie

Harte Konditionen, große Hürden

Bauernhöfe sind ein wichtiger Bestandteil des Schwarzwalds: ohne Beweidung würden steile Hänge nicht befreit, sie wuchern zu und bewalden. Wiesen sind aber wichtig für Biodiversität – es muss auch Flächen geben, die nicht intensiv bewirtschaftet werden. Man sollte also denken, der Erhalt dieser Höfe würde gefördert. Stattdessen bestätigt Erika meinen Eindruck, dass immer weniger der traditionellen Höfe weitergeführt werden. Dafür gibt es viele Gründe: Der wohl schwerwiegendste neben mangelnder Nachfolge ist, dass man von kleinräumiger Landwirtschaft allein heute nicht mehr leben kann. Viele bauen Ställe oder Wohnraum zu Ferienwohnungen aus. Besonders bei den Schwarzwaldhöfen außerhalb von Ortschaften sind bauliche Veränderungen oft mit strengen Vorgaben belegt; es muss geprüft werden, ob Denkmalschutz besteht. Falls ja, müssen Kompromisse gemacht werden. Oder große Investitionen stehen an, die sich nicht jede*r Hofbesitzer*in leisten kann. Viele alte Höfe verfallen darum.

Wer gehört hier eigentlich wem?

Biobäuerin Erika Günter vom Mooshof

Wenn Erika aus ihrem Leben erzählt, finde ich es schwer nachzuvollziehen, warum Menschen, die eine Wahl haben, sich überhaupt für den Dienst an der Landwirtschaft entscheiden. „Ich frage mich oft, wer hier eigentlich wem gehört“, sagt sie. Der Hof bestimmt über Alltag, Familienleben, Freizeit oder eher den Mangel daran. Besitz bedeutet dann eher Geißel als Macht. Dazu kommen schlechte Rahmenbedingungen: fehlendes Verständnis von Behörden, realitätsfremde Auflagen, mangelnde Unterstützung. Nach der Geburt ihrer Töchter stand Erika für fünf Tage eine Hofkraft als Vertretung zu, dann hätte sie selbst wieder zum Melken in den Stall sollen. Für diesen Lebensstil entscheidet man sich nicht einfach so, das kann nur durchziehen, wer an die Sache glaubt. So wie Erika, für sie ist Biobäuerin ein schöner und erfüllender Beruf: „Die Herausforderungen, die als Selbstständige*r gemeistert werden müssen, brauchen Kraft. Aber man ist auch sehr frei in der Gestaltung der Arbeit und so konnten wir vieles umsetzen, was uns wichtig war.“

Lieber Kompromisse finden als aufgeben

Bei unserem zweiten Besuch auf dem Mooshof kommen wir Ende September an. Die Weiden sind leer, nur noch eine Handvoll Kühe stehen beim Stall und ganz unten auf der Wiese hinterm Wäldchen. Günters haben ihren Urlaub frühzeitig abgebrochen, wegen des Wetters, aber auch, weil die neuen Pächter*innen für den Milchbetrieb und die Käserei im November ankommen und sie noch vom Erdgeschoss unters Dach ziehen müssen. „Künftig haben wir keinen Balkon mehr, aber dann kann ich auch nicht ständig runterschauen, wie sie das machen“, sagt Erika praktisch. Sie wirkt aufgeregt, im positiven Sinn. Es sind keine ausgebildeten Landwirt*innen, die kommen, aber junge Menschen mit Vision und Elan, die nun den Mooshof wieder mit Leben füllen sollen. Sie kommen mit Kind und Kühen, die Günters sind gespannt, wie sich die neue Hofgemeinschaft arrangieren wird. Alte und neue Landwirt*innen und Feriengäste müssen dann ein Miteinander finden. Für Erika bedeutet das räumliche Einschränkung und Abstriche, aber mehr Freizeit und Freiheit, zum Beispiel zum Reisen, Entdecken, Wandern, Lesen. Eine schöne Art, in den neuen Lebensabschnitt zu starten, und eine tägliche Übung im Loslassen.

Was wären Alternativen für den Mooshof gewesen? Die Nachbarn würden gerne Flächen pachten, aber darin sah Erika keine Zukunft: „Dann fahren ständig Traktoren über den Hof und irgendwann sitzen wir Alten hier allein rum“. Um den Hof würde sich dann keine*r mehr kümmern – das sieht sie als verschwendetes Potenzial an. Mit der Weiterbewirtschaftung des Hofes möchte Erika auch die harte Arbeit ihrer Vorfahren ehren. Die neuen Pächter*innen werden den Hof im Sinne der Günters weiterführen. Dafür haben alle Parteien wieder Wünsche und Bedingungen mit einem Coach verhandelt, ein detaillierter Pachtvertrag bestimmt nun beispielsweise, dass das Land biologisch bewirtschaftet werden muss. Josef übernimmt künftig weiterhin Waldwirtschaft und Grünflächen, Erika und ihre Mutter Emma betreuen hauptsächlich die Ferienwohnungen. Und natürlich werden sie die Pächterfamilie mit aller Kraft unterstützen. Erikas Rat an Hofbesitzer*innen und Landwirt*innen, die für sich auch einen lebenswerten Weg finden wollen: Sich unabhängig von Zuschüssen machen und möglichst viel Selbstbestimmung erhalten. Solidarische und Soziale Landwirtschaft sieht sie als tolle, zukunftsträchtige Konzepte an.

Als wir uns bereit machen für die Abreise, kommen die neuen Pächter*innen an und bereiten den Stall vor für ihren Einzug Anfang November. Josef hilft mit, zwischendurch wird er von Erika in die zweite gerade freigewordene Ferienwohnung gerufen. Dort hatte es einen Wasserschaden gegeben, der festgehalten werden muss. Es ist eben immer was zu tun. Trotzdem nimmt sich Erika kurz Zeit, noch mit uns auf der Bank vor dem Haus zu sitzen. Nach jahrzehntelanger Einschränkung verspürt sie bereits viel mehr Freiheit: „Ich freue mich auf einen Alltag mit weniger strenger Taktung, einfach mal loszufahren, ohne zu überlegen, wann ich wieder im Stall sein muss und die Tiere mich brauchen.“

Urlaub auf dem Biobauernhof klingt für dich ziemlich verlockend?

Hier habe ich mehr über den Mooshof und andere Bauernhöfe geschrieben, auf denen wir schöne Zeiten verbracht haben:

Gut für alle

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