gerechtigkeit-zeit-fuer-alle

1gutesleben

Keine Zeit, leider

Wie wir eine gerechtere Verteilung von Ressourcen in Partnerschaft, Familie und Gesellschaft ermöglichen können


gerechtegesellschaft nachhaltigmitkind feministischeliteratur

Als Teenie verbrachte ich einen Großteil meiner Zeit ziellos zuhause. Ich gammelte vor Trash TV, schickte stundenlang SMS mit Freundinnen hin und her. Regelmäßig erschien meine Mutter im Türrahmen: „Willst du nicht dies oder das machen? Das Leben zieht an dir vorüber!“ Ich winkte ab, weil Zeit für mich ewig und unendlich war. Mit dem Eintritt ins Berufsleben änderte sich das. Und seit ich selbst ein Kind habe, rinnt mir die Zeit durch die Hände wie nichts. Was tun, um das Leben zu entschleunigen? Wir brauchen eine neue Zeitpolitik. Denn Zeit ist mindestens genauso wertvoll wie Geld, Zeit ist Macht und Freiheit.

Zeit mit Kind, Zeit ohne Kind: es gibt selten genug, um mal innezuhalten und sie zu genießen. Dabei bin ich privilegiert, schließlich kann ich mit fünfzehn Stunden Erwerbsarbeit meinen Lebenswandel, wie ich ihn mir wünsche, einigermaßen finanzieren. Allerdings geht das nur, weil ich einen Partner habe, der ebenfalls in Teilzeit arbeitet, außerdem motivierte Großeltern zur Unterstützung – und weil mein Unternehmen es mir ermöglicht, dieselbe Position wie vor Kind nun mit der Hälfte an Arbeitsstunden zu besetzen. Ich bin privilegiert, und dennoch so erschöpft wie noch nie. Darum frage mich: wie können das Eltern mit weniger glücklichen Voraussetzungen überleben? Wie schaffen das beispielsweise Alleinerziehende oder Erwerbsarbeitslose?

Als erstes werden wohl Hobbys, Freundschaften und ehrenamtliches Engagement geopfert, oder der Job und damit auch ein Stück Selbstverwirklichung und finanzielle Absicherung zugunsten der Familie aufgegeben. Es wird gespart, entweder an Geld oder Aufmerksamkeit. Dass die körperliche und mentale Gesundheit leidet, wird als normal hingenommen. Bewusste, unbeschwerte Zeit mit dem Kind, finanzielle Unabhängigkeit und Altersabsicherung, Luxus wie Urlaub oder einfach mal was nicht dringend Benötigtes zu kaufen – auf was würde ich am Ehesten verzichten?

Damit die Entscheidung für Kinder, für ein Familienleben, für ein Pflege-Engagement, eben für Care-Verantwortung nicht weiter mit Selbstaufgabe, Verzicht, Unzufriedenheit und Unsichtbarkeit gleichgesetzt werden muss, ist ein Umdenken im Privaten und im Politischen nötig. Drei Bücher haben mein Bewusstsein für diese Themen 2022 nachhaltig beeinflusst.

„Sprecht klar darüber, was euch Sorgen macht, was euch zu viel ist oder wo ihr gerne Dinge abgeben würdet“

Gleichberechtigte Elternschaft ist für mich die Basis für ein ausgeglichenes Familienleben und vor allem für eine Partnerschaft auf Augenhöhe. Eigentlich haben wir alle das gleiche Zeitkontingent zur Verfügung, wir nutzen es aber unterschiedlich intensiv. Ein Elternteil hat morgens beispielsweise die Verantwortung für das Kind, macht Frühstück, geht auf den Spielplatz. Der andere arbeitet, macht nebenher eine Ladung Wäsche, weicht schonmal die Linsen fürs Abendessen ein, legt das Kind zum Mittagsschlaf hin. Nachmittags switchen die Rollen, ET1 arbeitet. ET2 betreut das Kind, besorgt nebenher online die Matschhose, die für die Kita benötigt wird, organisiert eine Fremdbetreuung für den nächsten Tag und überlegt bei der Einschlafbegleitung schließlich, was man am Wochenende Schönes unternehmen könnte – mal bewusst Zeit zusammen verbringen, statt nur ToDos hinterherzurennen. Ist das dann gerecht aufgeteilt? Im Hinblick auf die reine Stundenanzahl vielleicht schon. Was die Intensität angeht, mit der diese Zeit aufgeladen ist, trägt ein Elternteil viel mehr Last. Und meistens sind es die Mütter. An diesem Punkt muss die Diskussion um Aufgabenverteilung realistisch angegangen und immer wieder neu geführt werden, damit es fair zugeht.

Wenn wir seit Jahrhunderten so erzogen wurden, dass die Frauen mehr übernehmen, wie sollen dann solche Denkmuster bei einigen wenigen von uns einfach so ohne Absprachen und Diskussionen auf einmal aufgebrochen worden sein?

– Interview mit Alexandra Zykunov in fifty fifty Eltern

Wir müssen nicht nur Erwerbsarbeit, Haushalt und Kinderbetreuung, also das Offensichtliche, gerecht verteilen. In Beziehungen und Familien entfällt so viel unsichtbare Zeit auf emotionale Care-Arbeit und organisatorische Aufgaben. Sie werden nebenher erledigt, kosten aber enorm Energie. Immer im Hintergrund die mentale Last, keinen Ball fallen zu lassen, damit die ganze Zirkusnummer nicht in sich zusammenfällt. Wer das mit seinem Umfeld gerne gerecht gestalten und aufteilen möchte, findet in fifty fifty Eltern Bestätigung und vor allem realistische Ansätze für die Umsetzung im Alltag.

„Vereinbarkeit ist ein beschönigendes Wort für etwas, das sich in Wirklichkeit oft anfühlt wie Zerrissenheit“

Erfüllte Elternschaft braucht nicht nur Zeit, sondern auch Engagement und Offenheit von beiden Elternteilen. Und von Arbeitgeber*innen. Oft ist der Spagat zwischen den eigenen Bedürfnissen und Wünschen, denen der Kinder und den Anforderungen der Erwerbsarbeit nämlich der strapazierende Faktor im Elternalltag. Am Ende des Tages fühlt es sich trotzdem oft so an, als wäre man keiner*m wirklich gerecht geworden.

Beim Recruiting zählt am Ende dann doch, ob man eine lückenlose Erwerbsbiografie vorweisen kann. Dabei wird nicht bedacht, dass Mütter und Väter nach der Rushhour des Lebens deutlich produktiver sein können als währenddessen. Weil sie sich wieder mehr auf den Beruf konzentrieren können. Und weil sie durch die Feuertaufe der Familiengründung standhafter, effizienter und insgesamt leistungsfähiger geworden sind.

– Eva Corino in Das Nachhaltigkeitsprinzip

Um die ständige Zeitnot aus der heißen Phase des Elternseins zu nehmen, sollten wir die gesellschaftliche Norm hinterfragen, in der immer noch viele von uns denken – und eingefahrene Strukturen aufbrechen. Was ist denn wirklich wichtig im Leben? Wofür will ich meine kostbare Zeit einsetzen? Ist es nötig, innerhalb eines Jahrzehnts ein Haus zu kaufen, Kinder zu bekommen und gleichzeitig im Job maximal Gas zu geben? Vielleicht muss ich ja gar nicht Karriere und Kind miteinander „vereinbaren“. Das Nacheinanderprinzip erzählt von unterschiedlichen Lebensentwürfen und diskutiert generell, wie Prioritäten zu setzen, statt sich stur durchzukämpfen alles viel leichter machen kann. An einigen Stellen hat mich irritiert, dass Eva Corino aus einer Bubble heraus berichtet und analysiert, in der Frauen sich tendenziell viele Kinder wünschen und als Vollzeitmutter lieber ein Burnout in Kauf nehmen, als ihre abwesenden, weil karrierefokussierten Partner zur Verantwortung zu ziehen. Die Herangehensweise an einen Entwurf für maximal lebenswertes und entzerrtes Leben fand ich dennoch ziemlich augenöffnend. Bewusst leben und bewusst die Kindheit der Kinder erleben: dafür müssen wir anfangen, Karrieren wieder über die gesamte Lebensspanne zu planen, aber auch von Gesellschaft und Politik die entsprechenden Anpassungen verlangen.

„Solange Zeit als politisches Gut nicht umfassend anerkannt ist, wird über sie so verfügt, dass Ungerechtigkeiten entstehen“

Was, wenn es für alle selbstverständlich wäre, Sorgeverantwortung zu übernehmen? Wenn sich jede*r in irgendeiner Form kümmern würde, um andere und um sich selbst? Müssten wir noch Diskussionen über Equal Care führen? Wie viel ausgeglichener könnte das Leben sein, wenn jeder ausreichend Zeit zur freien Verfügung hätte? Wieviel wertvoller, wenn wir alle Lebensphasen bewusst erleben und genießen könnten, statt auf den Ruhestand oder ein anderes Ziel in der Zukunft hinzuarbeiten? Es ist klar, wo das dafür benötigte Zeitkontingent abgezwackt werden muss: bei der Erwerbsarbeit. Allerdings nicht auf Kosten der*s Einzelnen, sondern als gesamtgesellschaftliche Maßnahme.

Wem dient eine Wirtschaft, die versucht, immer mehr und immer dichter die Zeit von abhängig Beschäftigten einzunehmen, und darüber Lebensqualität, Gesundheit, Fürsorge, Beziehungen und ökologisches Gleichgewicht frisst? Inwiefern ist diese Entwicklung kompatibel mit demokratischen Werten?

– Teresa Bücker in Alle_Zeit

Eine 40-Stunden-Woche ist weder nachhaltig noch nötig. Mit der Abschaffung der Vollzeitnorm kann freie Zeit entstehen, die auch als solche wahrgenommen wird, und Gelegenheit, sich politisch, kulturell, sozial, ökologisch zu engagieren. Warum neben der allgemeinen Arbeitszeitverkürzung auch ein Care-Einkommen unumgänglich ist, wird in Alle_Zeit aus verschiedenen Perspektiven aufgedröselt und mit Zahlen belegt, die keine Zweifel daran lassen, dass wir mit der aktuellen Vorgehensweise unsere Demokratie bald an die Wand fahren. Teresa Bücker regt an, statt in Kapital und Karriere wieder viel mehr in zwischenmenschliche Verbindungen zu investieren, in ein Netz aus Sorgebeziehungen, das wir brauchen, um zufrieden und stressfrei leben zu können: „Es ist nicht das Kind oder der alte Mensch oder der Job, der uns die Zeit raubt, sondern der Umstand, dass wir einander bei großer Verantwortung oder vielen Aufgaben zu wenig unterstützen. Das Leben war nie dazu gedacht, es allein zu meistern.“

Für mehr Gerechtigkeit brauchen wir also das vielzitierte Dorf, nicht nur um Kinder aufzuziehen, sondern um jeder*m Einzelnen das Leben zu erleichtern. Wir brauchen bedeutungsvolle Beziehungen und einen offenen Austausch. Wir müssen Arbeit und Zeit fairteilen, füreinander da sein.

Im Privaten lassen sich diese Ansätze auf kleiner Ebene umsetzen. Wie genau das Umdenken in Gesellschaft und Politik angestoßen werden kann – ein Punkt, mit dem ich mich 2023 mehr befassen will. Schreib mir gerne zu konkreten Maßnahmen und Bewegungen.

Weitere Artikel zu
1gutesleben