Fernreisen mit dem Zug

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Der Weg ist das Ziel

Tagebuch einer unendlichen Reise nach Mittelitalien


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Von Karlsruhe nach Alba Adriatica mit Zug und Bus – tatsächlich war die Reise nicht unendlich, hat sich aber teilweise so angefühlt. Den Rest der Zeit war es spannend, bereichernd und wie ein kleiner Urlaub vor dem Urlaub.

Donnerstag, später Nachmittag.

Vor mir sitzt ein Herr, dessen Handy ständig klingelt – verschiedene Melodien, abgelöst von Tastentönen. Es folgt eine Serie an Anrufen in einer asiatischen Sprache. Von rechts bekomme ich die Rockmusik des Nebenmannes mit, trotz seiner Kopfhörer. Ich sitze im Zug nach München. Drei Stunden wird es dauern und die Zeit vergeht sehr langsam. Eigentlich sollte ich die Fahrt genießen, aus dem Fenster sehen und die Landschaft betrachten, aber noch ist draußen ja Deutschland: Felder, grün, gelb, braun, Kanäle, Ortschaften, Bahndämme, Straßen, Vororte, Bahnhöfe. Dabei war das bewusste Fortbewegen, das langsame Entspannen und die hinausgezögerte Freude aufs Ankommen die Motivation zu dieser Tortur. Von Karlsruhe nach Alba Adriatica an der hinteren Stiefelhälfte Italiens. Ich wünsche mir das Reisegefühl von früher zurück, in urigen Bummelzügen mit Ledersitzen und Fenstern zum Öffnen. Ohne Handys.

19:20 Uhr.

Im Münchner Bahnhof hängt die Sommerhitze wie unter einer Glocke fest, also entfliehe ich der Schwüle durch den Hinterausgang und gehe immer geradeaus. Am Stachus spielt auf dem Dach eines VW-Bus eine Band, sie singen „Freedom, freedoooom“ und haben eine Menschenmenge angezogen, die fröhlich mithüpft. Ich fühle mich auch schon viel freier, obwohl ich meinen schweren Koffer hinter mir herziehen muss. Nach einer kleinen Runde kehre ich wieder zum Bahnhof zurück.

Der City Night Liner nach Rom steht schon am Gleis, ich gehe an den Waggons entlang und sehe durch die Scheiben die Liegekabinen, drei Pritschen übereinander gequetscht. Gut, dass ich den Aufschlag nicht zahlen wollte, da verbringe ich die Nacht ja lieber im Sitzen. Beim Betreten des Zuges fühlt es sich an, als würde ich nicht nur innerhalb Europas, sondern auch in der Zeit reisen – 1990 gemäß der Ausstattung des Gefährts. So schnell hat sich mein Wunsch nach altmodischerem Reisen erfüllt. Mein Abteil ist noch leer, aber ich bin auch zu früh. Die Luft steht und es ist unerträglich heiß. Ich schließe die Tür, breite mich aus und lese mein Magazin.

Natürlich bleibe ich nicht allein; als der Zug losrollt, sind wir zu viert. Ein Student, der mit dem Fahrrad Korsika umrunden will, ein Nigerianer, der seine Schwester in Siena besucht, ein Mädel in meinem Alter auf dem Weg in ein kleines Kaff bei Florenz. Die Fahrtluft kühlt endlich alles etwas ab. Sie riecht zuerst nach frisch gemähtem Gras, dann ziemlich lange nach Gülle und bald haben wir eine solche Geschwindigkeit, dass der Fahrtwind in Böen durch das Abteil fegt.

Ein junges Mädchen steigt zu, das Interrail in Italien machen will. Der Platz wird langsam knapp und als eine Station später noch ein älterer Herr mit Innsbrucker Akzent dazukommt, ist das Kabuff wirklich zum Bersten voll mit Gepäck und Passagieren. Keine Möglichkeit, die Beine auszustrecken, es riecht nach Schweiß. Trotzdem ist die Stimmung freundlich, als mache uns diese gemeinsame Reise zu Verschwörern. Die anderen unterhalten sich. Am Fenster geht es auf Englisch um die medizinische Versorgungslage in Nigeria, dann wird die Abteiltür aufgeschoben und die Freundin der Interrailerin steckt ihren Kopf herein, um lauthals den weiteren Verlauf zu besprechen. Die Hitze macht mich zu lethargisch, um selbst an einer Konversation teilzunehmen, ich höre nur zu. Ohnehin sind die Fahrtgeräusche so laut, dass man schreien muss, um sich zu verständigen. Im Nu haben wir den Brenner überquert und sind in Italien. Von Österreich habe ich im Dunkeln fast nichts mitbekommen.

Freitag, frühmorgens.

Die Nacht war strapaziös. Das Mädel im Eck hat sich irgendwann ihren Kapuzenpulli übers Gesicht gezogen und geschlafen, ans Fenster gelehnt. Sie sitzt jetzt frisch vor uns und grinst. Alle anderen haben durchgemacht; sich abwechselnd auf dem Flur und im Abteil darüber beschwert, dass sie keinen Schlaf finden konnten. Ich war meiner Meinung nach die Einzige, die wirklich Wille gezeigt hat, zu schlafen und von der Betriebsamkeit der anderen davon abgehalten wurde. Dementsprechend mürrisch fühle ich mich. Als die zwei Jungs aussteigen, kann ich mich etwas ausstrecken und noch eine Stunde dösen.

Rechtzeitig zum Morgenrot wache ich auf und nehme die neue Umgebung in mir auf. Felder, grün, gelb, braun, Kanäle, Ortschaften, Bahndämme, Straßen, Vororte, Bahnhöfe. Aber die landschaftliche Silhouette ist jetzt von Zypressen und Pinien geprägt, die Häuser sind in Gelb- und Sandtönen getüncht und haben Ziegeldächer. Im Zug hat sich über Nacht der Anteil an italienischen Fahrgästen ebenfalls gesteigert, sie sind trotz Schlafmangel fröhlich und grinsen in die Abteile, an denen sie vorbeikommen, hinein. Ich putze mir mit Sprudel die Zähne auf der uralten Toilette, die noch ziemlich präsentabel wirkt und fühle mich schon wieder frisch.

12:00 Uhr.

Ich stehe auf der Aussichtsterrasse über der Piazza del Popole. Die Sonne brennt so stark, dass ich sicher bin, demnächst einen Hitzestich zu erleiden. Dennoch kann ich nicht anhalten, so viel gibt es zu sehen – jede Straßenecke eröffnet den Blick auf einen neuen Hingucker. Vom Bahnhof aus habe ich mich durch monumentale Straßen mit eindrucksvollen Gebäuden, vorbei an verschnörkelten Brunnen und vertrockneten Parks zu den kleinen, verwinkelten Gassen der Altstadt herabgekämpft, den Trevibrunnen entdeckt, der leider zur Renovierung eingezäunt war, und meine Füße zur Erfrischung ins kühle Wasser mehrerer verblüffend sauberer Fontänen gesteckt.

Meinen Koffer habe ich in den Katakomben Roma Terminis beim Gepäckservice zurückgelassen und entschieden, für die paar Stunden Aufenthalt keinen überteuerten Stadtplan anzuschaffen (4 Euro, hallo?). Ich habe mich erst durchgefragt und dann treiben lassen. Mir ein trockenes Cornetto auf die Hand geholt. Mich durch die Ströme an Menschen gedrückt, vorbei an zahllosen Läden mit Touristennepp. An Designerboutiquen vorbeibummelnd bin ich zur Piazza del Popole gelangt und trotz der überwältigenden Hitze die Treppen und steilen Pfade hinaufgestiegen. Von unten hat es ausgesehen, als stünde hier eine Villa, oben erwartete mich grün: ein Park mit Blick über ganz Rom.

Es ist berauschend, diese imperiale Pracht vor mir ausgebreitet zu sehen. Und alles wirkt so nah, ich fasse als nächstes Ziel den Vatikan ins Auge. Ganz Rom an einem Tag besichtigen! Auf dem Plan der beiden jungen Amerikaner neben mir sehe ich die tatsächliche Strecke und entscheide mich doch dagegen. Ohnehin zu heiß für einen Kraftmarsch. Lieber stocke ich meine Flüssigkeitsreserven auf und schlendere durch den Park, vorbei an Büsten alter Gelehrter mit distinguierten Gesichtsausdrücken. Ich folge einer sich unendlich lange hinziehenden Allee, nicht sicher, ob sich die Anstrengung überhaupt lohnen wird, und komme zu einem terrassenförmig angelegten Teil des Plateaus. Plötzlich fühle ich mich überhaupt nicht mehr wie in einer Großstadt. In der Senke vor mir liegt ein hübsches terrakottafarbenes Haus. Um mich herum ist Weite und Stille, bis auf Gelächter und Gesprächsfetzen der Menschen, die nicht weit von mir die Gegend mit Fahrradrikschas erkunden. Ich lasse mich auf einem bemoosten Fleck im Schatten nieder und genieße die trockene Pinienluft, die warm über mich streicht, das Zirpen der Zikaden.

Früher Abend.

Ich bin gerade erwacht von einem Nickerchen und blicke erstaunt hinaus auf die wolkenverhangene Berglandschaft. Eingeschlafen bin ich, als der Bus langsam das immer noch vor Hitze flimmernde Rom verließ. Der Rückweg zum Bahnhof war stressig, weil ich einfach meinem Gefühl folgend den Park bergab verlassen und mich dann richtig verirrt habe. Ich bin an einer vielbefahrenen Straße entlang gehastet, rechts hinter einer Böschung der Fluss, aber das Ufer hat nicht zum Flanieren eingeladen und ich konnte fast keine Touristen mehr entdecken. Zügig bin ich wieder in die Häuserfluten eingebogen: breite Straßen mit prunkvollen Gebäuden, keine Spur von der Geschäftigkeit der unübersichtlichen Altstadtgassen. Als endlich wieder etwas Bekanntes ins Auge stach, fiel die kurzzeitige Beklemmung schnell wieder ab. Ich habe die flirrende Piazza del Popole überquert und zur Erfrischung in einem Nebensträßchen bei einer missmutigen Eisverkäuferin Zitronensorbet gekauft, das schon von der Waffel auf meine Füße tropfte, als ich den Laden verließ.

Der Bus ist komfortabel und klimatisiert, ich habe zwei Sitze für mich. Zu meiner Linken sitzt ein französisches Pärchen, das sich streitet. Gedämpft zischen sie sich Beleidigungen und Vorwürfe zu, zu schnell und leise, als dass ich etwas verstehen könnte. Einzelne Wörter, Mimik und Körperhaltung lenken jedoch immer wieder meine Aufmerksamkeit zu ihnen hinüber. Sie stören die friedliche Stimmung, in die der Ausblick und der gleichmäßige Rhythmus des Fahrens mich versetzt haben.

20:43 Uhr.

Als ich auf das Gleis hinauslaufe, setzt sich am gegenüberliegenden Bahnsteig ein Zug in Bewegung. Die Dame hinter dem Schalter teilt mir mit gleichgültiger Miene mit, der nächste Zug nach Alba fahre in knapp zwei Stunden. Bus? Müsse ich draußen fragen, darüber wisse sie nicht Bescheid. Also trete ich wieder aus dem süßen kleinen Bahnhofsgebäude auf den Vorplatz, auf dem ich vor Kurzem in Giulianova angekommen bin. Laut Fahrplan sollte demnächst einer in meine Richtung kommen. Jeder Bus, in den ich fragend hineinblicke – „Alba? Alba Adriatica?“ – hält nur einen kopfschüttelnden Fahrer bereit. Kommt noch, bedeuten sie mir. Also stehe ich weiter mit meinem Koffer da und beobachte den Verkehr. Ein stehendes Auto fällt mir auf, darin zwei Männer, die mich anstarren. Ich sehe irritiert weg (diese Italiener…) und dann noch einmal genauer hin: Das sind mein Bekannter und sein Vater! Die letzten zehn Kilometer meiner Reise verbringe ich bereits Neuigkeiten austauschend auf dem Rücksitz.

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