Die schönste Lechweg-Etappe
Weitwandern für komplett Ahnungslose
Der Lechweg begleitet den Lech in seiner abwechslungsreichen Transformation von quirligem Gebirgsbach zu industriellem Strom. Meine erste Weitwander-Erfahrung führt uns vom magischen Formarinsee bis zum nicht weniger magischen Schloss Neuschwanstein in Füssen. Die erste Etappe hat uns am meisten gekickt, in jeder Hinsicht.
Wir, das bin ich: mäßig trainiert, aber wanderaffin, mit 55-Liter-Rucksack, den ich ausnahmsweise mal nicht ganz vollgepackt habe, und professionellen All-Terrain-Wanderschuhen, bereits eine ganze Stunde eingelaufen, darin professionelle Wandersocken, an strategisch günstigen Stellen verstärkt; und meine Mutter: ohne professionelle Wandersocken, dafür mental und körperlich überlegen.
Mit dem Zug geht es über Stuttgart, München und Innsbruck nach St. Anton. Im letzten Zug sitzen wir im Abteil mit einem uralten Ehepaar. Der Mann trinkt schrecklich stinkendes Dosenbier, der Rucksack der Frau trägt die Aufschrift „Servus die Wadln!“. Obwohl im Reiseablauf einiges schief gegangen ist und ein Zug komplett ausfiel, erreichen wir St. Anton noch rechtzeitig für den letzten Bus Richtung Lech am Arlberg und da wiederum den letzten hinauf zum Formarinsee. Dort ist: kalt, ein Parkplatz und ein Wanderschild, das in Richtung Berge zeigt und besagt „Freiburger Hütte 40 min“. Oh no!
Auf großartige Herausforderungen war ich heute nicht mehr vorbereitet, aber irgendwo müssen wir ja übernachten. Ich reiße also meinen Blick vom wundervollen Bergpanorama und konzentriere mich auf den 15 Minuten kürzeren Pfad, der dafür nicht um den schon halb im Schatten der Dämmerung liegenden See herum, sondern direkt darüber am steilen Hang entlangführt. Warum ich den Lechweg als mein erstes Weitwanderunterfangen gewählt habe? Das Marketingteam verspricht, er sei auch für Ungeübte und Kinder geeignet. Diesen Pfad können sie damit nicht meinen, er triggert enorm meine Höhenangst. Ich schreie zu meiner Mutter nach vorne, dass genau sowas der Grund ist, warum ich keine Touren mit Klettersteigen machen will und bekomme einen Schneeball als Antwort. Obwohl Juli ist, glitzert es hier oben noch stellenweise weiß.
Die Hütte empfängt uns mit wohliger Wärme und zwei Plätzen im Bettenlager. Nachdem uns freundlicherweise noch die Reste des Abendessens serviert wurden – wer nach 19 Uhr ankommt, ist auf die Güte des Kochs angewiesen – strecken wir uns direkt im spartanisch ausgestatteten, aber komfortablen Zimmer aus. Durch unser kleines Holzfenster bewundern wir im letzten Tageslicht die in Orangetöne getauchten Bergspitzen draußen, dann begleitet uns der ums Dach streichende Wind und das leise Bimmeln ferner Kuhglocken in den Schlaf.
Der Lechweg beginnt am Formarinsee, der den Formarinbach speist, der in den Lech mündet. „Wieder denselben Weg zurück? Das ist doch für Anfänger“, findet meine Mutter. Darum stapfen wir am nächsten Morgen mit dampfendem Atem die schneebetupfte Anhöhe hinter der Hütte hinauf – den kleinen Umweg von drei Stunden kriegen wir locker noch unter. Der Himmel ist klar und auf dem Kamm erstreckt sich um uns die grandiose Bergwelt bis zum Horizont. Mir bleibt die Luft weg, abwechselnd von der Aussicht und dem ziemlich schmalen, von Schneeschlick rutschigen Pfad, auf dem wir nun am Abgrund entlangwandern. Meine Mutter hüpft wie eine Berggazelle voraus und späht nach Steinböcken und Murmeltieren.
Wir kommen am Steinernen Meer an und kraxeln mitten hinein. So faszinierend die Felsformationen sind, machen sie es auch schwer zu erkennen, wo es weitergeht. Muddi kundschaftet den Weg aus, ich sitze allein inmitten der komischen Steinspalten in tiefster Stille. Lausche dem Meeresrauschen und lasse den Blick schweifen und – da liegt er, ein Steinbock. Er schaut unbeteiligt aus der Ferne zu mir herüber. Ich muss mich losreißen, denn irgendwie ist die Zeit schon vorangeschritten und wir haben die eigentliche Etappe nichtmal begonnen. Das Steinerne Meer ist größer als gedacht, wir kreuzen es zügig noch einige Male, bis wir den richtigen Pfad finden. Der grausame Abstieg wird uns versüßt durch Kuhgebimmel und schöne Almen. Auf einer von ihnen gönnen wir uns eine Brotzeit, bevor wir schließlich auf den regulären Lechweg stoßen, der dicht am plätschernden Formarinbach verläuft.
Wir gehen auf schmalen Pfaden durch Weiden mit den schönsten Wiesenblumen, es riecht nach warmer Heide und Lärchennadeln und Kuhkacke. Ich inhaliere all das und denke, so müsste das Leben immer sein. Dann wird es waldiger, der Bach wilder und die Kilometer auf den Wanderschildern irgendwie… nicht weniger. Sind wir so langsam oder stimmt da was nicht? Ich bin schon einigermaßen groggy, meine Schenkel brennen vom Abstieg und immer noch gibt es Passagen mit anspruchsvollem Gefälle. Wo Formarinbach und Spullerbach sich zum Lech zusammenschließen, machen wir eine Pause. Meine Mutter planscht durchs eiskalte Gletscherwasser, ich kühle meine brennenden, drückenden Füße. Dann geht es weiter, gefühlt unendlich.
Servus die Wadln!
Mittlerweile bin ich richtig fertig. Hungrig, erschöpft, meine Füße schmerzen schrecklich, alle Glieder widersprechen jedem Schritt. Weder die frische Luft noch das harmonisierende Grün der wunderschönen Umgebung können mir neuen Elan verleihen. Ich würde mich eine dieser Geröllhalden runterrollen lassen, nur um nichts mehr spüren zu müssen. Mein eisernes Schweigen hat auch den Smalltalk meiner Mutter versiegen lassen, mit dem sie mich ablenken wollte. Sie ist immer noch fit und guten Mutes, als wir endlich Zug erreichen, den über dem Zentrum liegenden Teil von Lech am Arlberg.