Dolce Vita mit Baumwanzen
Sommerurlaub im ligurischen Agriturismo
Selten habe ich mich in einer Ferienwohnung direkt so wohlgefühlt. Abgelegen in den Hügeln über Moneglia, mit vier Zimmern für drei Menschen, konnte ich endlich mal wieder ein bisschen entspannen. Mich auf die Basics konzentrieren: Einfach eins der Bücher lesen, die im Regal stehen. Schlafen ohne Stadtlärm, bewusst kochen und essen. Die Woche in Le Grigue war der Sommerurlaub, den ich mir erträumt hatte.
Nach einer langen, langen Anreise mit dem Zug keuchten wir an einem Samstag im September die steile Straße zum Agriturismo hoch. Das Gepäck und die Mittagssonne ließen uns schwitzen, doch meine Vorfreude trieb mich an, nicht langsamer zu werden. Seit Monaten träumte ich von selbstgepresstem Olivenöl, langen Stunden am Sandstrand, vollmundigem Rotwein und Kaminfeuer an kühlen Abenden.
Bruno und Christiane bauen auf Le Grigue Oliven, Obst und Gemüse in nicht zertifizierter Bioqualität an. Allerdings nicht für uns – für die Olivenernte waren wir noch zu früh, gerade wurden die Terrassen gemäht und die Netze unter den Bäumen gespannt. Alles Olivenöl vom Vorjahr: verkauft. Wir fragten nach frischem Grünzeug und Christiane verneinte. Nach einem Erntezyklus war in diesem Jahr der Gießstop verordnet worden, sie hatte nichts mehr anbauen können. Damit drückte sie mir ein Marmeladenglas mit Spüli in die Hand, mit dem ich obdachsuchende Baumwanzen einfangen sollte. Die neue Art sucht die Obst- und Gemüseplantagen der Region heim und hatte wohl bereits einige Bauern die Existenz gekostet. Auch im Urlaub keine Auszeit von schweren Themen.
Irgendwas mussten wir aber essen, drum stiegen wir über den Waldpfad hinunter nach Moneglia und kauften ein: Salami, Crudo und Parmesan vom Wochenmarkt, lokales Obst und Gemüse, eine Flasche Rosso und Nudeln aus dem Weinladen, Foccacia aus der Bäckerei. Wir bahrten alles auf dem großen Holztisch in der Küche auf und genossen die Beute. Nicht bio, aber buonissimo. Die nächsten Tage gab es Polenta, Zucchinispitzen und frisch gepulte Borlottibohnen, die ich bisher nur aus der Dose gegessen hatte. Und bei jeder Gelegenheit Pizza, Ciabatta, Pasta und Grissini. Nach einer Woche war ich selbst eine zufriedene Teigrolle.
Morgens stieg der Bub die Treppen hinunter, um bei Christiane die bestellten Brote und Brioche mit unterschiedlichen Füllungen abzuholen. Dann entdeckten wir die Gegend. Wanderten über den Kamm ins Nachbardorf und tauchten dort in der Felsenbucht ins Meer. Genossen ein Gelato in Moneglia und wurden von den Spielplatz-Moskitos im Dorf heimgesucht, nur um nach einigen Tagen festzustellen, dass Le Grigue einen eigenen Abenteuerspielplatz auf einer der Oliventerrassen hat. Wir lutschten unreife Oliven und schauten Boxer Siegfried beim Spielen zu, nahmen den Zug für einen wunderschönen Tagestrip nach Cinque Terre.
Der Kamin blieb kalt, denn auch Ende September war es tagsüber noch sommerlich warm und abends gingen wir zu früh schlafen, um anzufeuern. Die nächtliche Geräuschkulisse so beruhigend wie die Natur: das Rauschen des Windes in den Olivenbäumen, zirpende Grillen, ein sterbendes Tier. Tagsüber wurde die Stille hin und wieder von Christianes „Bruno?“ und dem „Baba? Baba!“ meines Sohnes unterbrochen. Meine Zeit verbrachte ich am liebsten in der Küche. Groß und gemütlich, ließ sie mich wie die Nonna meiner Träume Pasta kochen und Aperitivo servieren. Am Fenster lehnend konnte ich aufs Meer blicken, das von der wandernden Sonne in immer neue Farben getaucht wurde. Nach einer Woche reichte ich Christiane das Spüliglas mit zehn Wanzenkadavern. Selten habe ich mich von einem Ort so schwer verabschieden können.