Mit dem Zug auf die Insel?
Irland, Italien und Schottland per Zug statt Flug
Ja, Zugfahren dauert viel länger und ist meist teurer als Fliegen. Manchmal aber auch nicht, und die Erlebnisse, Begegnungen und Überraschungen einer internationalen Zugfahrt übertrumpfen für mich jederzeit die Vorteile einer Flugreise. Hier einige Inspirationen, wie man für viele Reiseziele (außer Rumänien) mit ein wenig gutem Willen keinen Flug buchen muss.
Meine Liebe für Züge ist Sheldon Cooperesque: nirgendwo sonst kann ich mit besserem Gewissen die Zeit tatenlos verstreichen lassen, Gedanken ordnen und entspannen. Gerne würde ich ganz aufs Fliegen verzichten und überall mit dem Zug hinfahren. Nicht jeder hat dafür Verständnis. Der Mann am Bahnschalter sieht mich mit gerunzelter Stirn an: „Mit dem Zug nach Rumänien? Wissen Se, wie lang des dauert?“ Ich weiß, wie lange das dauert. „Was des kostet, find ich viel wichtiger“, sage ich. Er zeigt mir den Preis auf dem Bildschirm; ich entscheide mich dagegen, mit dem Zug nach Rumänien zu reisen. Doch es gibt auch geglückte Beispiele des ökologisch verträglichen Reisens.
Mit dem Zug nach Elba
Relativ spontan wollte ich im Sommer zum Campen nach Elba fahren – in der Hauptsaison, Flugtickets waren abartig teuer. Ein Auto wäre als Transportmittel eindeutig praktischer gewesen, leider aber nicht vorhanden. Außerdem mag ich organisatorische Herausforderungen, also: Mit dem Flixbus nach Mailand. Dort nach acht Stunden mal wieder die Gelenke ausschütteln, am romantisch beleuchteten Dom ein Eis essen und mit sicherem Abstand die Designermode betrachten. Nach einer Zwischenübernachtung in einem sehr zwielichtigen, dafür aber unschlagbar günstigen Hotel früh raus, den Zug in ein italienisches Kaff nehmen. Umsteigen in einen weiteren Zug in ein weiteres italienisches Kaff und dort in den mit italienischen Teenies überfüllten Bus nach Piombino. Warum sind wir überhaupt unterwegs und wohin nochmal?
Von Piombino Marittima geht unsere Fähre nach Portoferraio ab. Als wir dort ankommen, ist es später Nachmittag. Die letzte Etappe führt mit dem Bus zu unserem Campingplatz in Lacona, nur müssen wir den Bus erstmal finden. Kleiner Espresso im Hafencafé, ebenso kleiner Disput, warum man nicht einfach geflogen ist. Abends beim ersten Limoncello und mit dem Ausblick auf eine Woche blaues Meer und italienisches Inselleben ist der Schmerz wieder vergessen – und die Rückfahrt auf genau demselben Weg noch in weiter Ferne.
Mit dem Zug nach Schottland
So sehr ich Zugfahren liebe, so sehr bringt es mich auch immer an meine zwischenmenschlichen Grenzen. Garstige Kinder, Rotz hochziehende Jugendliche mit schlecht isolierten Kopfhörern, schnarchende Betrunkene – auf der ersten Etappe Richtung Schottland sitze ich bis Paris neben einem weiteren Exemplar: dem exzentrischen Freak. Sie mixt zunächst Tracks auf ihrem Laptop mit dem Aufkleber „International House DJs“, während ich versuche, trotz ihres rhythmischen Wippens ein Nickerchen zu machen. Als sie aber auf der virtuellen Tastatur minutenlang mit ihrem klackernden künstlichen Fingernagel auf das Fis einhaut, staut sich in mir die Aggression. Gut, dass ich in Paris drei Stunden Aufenthalt zum Runterkommen habe.
Mit meinem Rucksack stapfe ich durch Montmartre und einmal um Sacré-Coeur herum, kehre aber rechtzeitig für den Hochsicherheits-Check-in ans Eurostar-Gate zurück. Die Fahrt unter dem Ärmelkanal durch vergeht rasend schnell, schon komme ich in London an. Ich habe fünf Stunden Zeit, es regnet in Strömen. Also rette ich mich und den Rucksack ins Kino und sehe mir Dunkirk an – die Stimmung hebt sich dadurch nicht wirklich. Im Dunklen und immer noch bei strömendem Regen laufe ich zur Euston Station und zweifle am Sinn des Lebens und dieses Trips, schließlich ist sowieso alles flüchtig und belanglos.
Aus Geiz habe ich für die Fahrt im Caledonian Sleeper keinen Liegeplatz gebucht und muss nun die Nacht im Sitzen verbringen. Auf dem Platz hinter mir natürlich der Quotenschotte, der sich laut mit allen unterhält, die außer ihm noch wach sind und sich jede halbe Stunde an meinem Sitz hochzieht, um sich eine neue Dose Bier zu kaufen. Mit etwa 20 Minuten Schlaf komme ich frühmorgens in Glasgow an. Die Rückreise hat übrigens alles wieder wett gemacht: kostenloses Upgrade in ein Schlafabteil mit Frühstück und sonniges Flanieren über Primrose Hill!
Mit dem Zug nach Irland
Je oller, je doller, darum habe ich mir mit 31 eine langgehegte Phantasie erfüllt: Nach Irland ohne Flug. Das geht, ist aber teuer und dauert natürlich länger. Mit dem ICE entfliehe ich morgens dem süddeutschen Regen Richtung Paris. Am Gare de l’Est angekommen entscheide ich nach langem, langem Studieren der Metrokarte, einfach von Gare de l’Est zu Gare Magenta zu laufen und dann den RER nach St. Lazare zu nehmen. Auf meinem Ticket steht zu diesem Transfer nichts – danke, SNCF.
Mit dem TGV geht es weiter nach Cherbourg, dort treffe ich in der strahlenden normannischen Nachmittagssonne meine Freundin. Wir drehen eine kurze Runde durch den Carrefour – ergiebig – und den Stadtkern – unspektakulär – und treten den langen Weg zum Hafen an. Die nächsten 15+ Stunden verbringen wir mit irischen Familien auf der Color Line, picknicken, trinken das erste Guinness und Cider. Und schlafen sehr unzulänglich im Sitzen/auf dem Boden, da wir trotz fortgeschrittenen Alters nicht in eine Kabine investieren wollten.
Nach einem Frühstückspicknick und dem ersten Schwarztee mit Milch bleibt uns nichts mehr an Entertainment übrig, als auf das Smartphone zu starren, um den Wechsel der Zeitzonen live mitzuerleben. In Rosslare werden wir am Hafen abgeholt und stapfen eine Stunde später bereits durch irische Dünen. Ich gestehe: Aus Zeitgründen musste ich hier leider rückzus einen Ryanair-Flug nehmen und habe nicht mal über atmosfair oder myclimate kompensiert. Buh!