Radwandern mit Baby
Eine Lernerfahrung in vier Akten
Auf dem Rheinradweg nach Straßburg und zurück, in vier Tagen, no Problemo! Auf der deutschen Seite hin, auf der französischen zurück, so der Plan. Endlich mal wieder was anderes als Krieg und Pandemie. Sonne, radeln, gucken, erkunden, spielen, genießen, aufatmen, zwischendurch jede Menge Pausen für Erholung – dachten wir.
Läuft hier irgendwas nach Plan?
So ziehen wir also los Richtung Straßburg, drei erwartungsvolle Bleichgesichter, mit mineralischer Sonnencreme gegen vier Tage reinen Sonnenscheins gewappnet, die vor uns liegen. Alle Eventualitäten ebenfalls bedacht: Stoffwindeln und Plastikwindeln eingepackt, GPS-Wegdaten und Powerbank geladen, für Babys Komfort sowohl den Chariot als auch den Fahrradsitz am Start. Die Strecke verläuft schonmal direkt nicht nach Wunsch: Statt der schönen, aber eben gesperrten Tour durch die Rheinauen werden wir auf einer Umleitung durch Dörfer geführt und kommen erst bei Elchesheim wieder auf den Rheinradweg. Danach fahren wir auch kreuz und quer verkehrt, dafür kann allerdings niemand verantwortlich gemacht werden außer uns selbst. Am ersten Tag sehen wir dadurch hauptsächlich Industriegebiete, Nebenkanäle und nicht viel Rhein. Unsere Berechnungen - „Mit ca. 15 km/h werden wir also locker an einem Tag 50 km schaffen“ - stellen sich als blauäugig heraus. Ständig muss jemand pinkeln, das Verdeck des Chariot neu gerichtet werden oder eine*r hat Hunger. Im schönsten Nachmittagsrot ist dann plötzlich die Luft raus, statt bis Rheinau zu fahren, biegen wir spontan doch früher ab und kehren ein für die Nacht.
Tiiiiief durchatmen
Am nächsten Tag erwarten uns eine kürzere Strecke und die Freuden der Großstadt. Vormittags kommen wir in Kehl an, überqueren die Rheinbrücke und durchstreifen Straßburg in Frühlingsstimmung: Auf dem Campus sind alle Grünflächen belegt mit sonnenhungrigen Studierenden, das Münster strahlt, überall sprießen pastellfarbene Knospen, das Parlament glitzert im Mittagslicht. Erstmal ein Kaffee in der 3rd-Wave-Boutique. Das ist Urlaub! Ach, da war ja noch was… wir haben ein Baby on Board. Der Bub soll zurück in den Wagen, aber Moment: „Drückt er?“ Schnell in die nächste Brasserie rennen und abhalten. Eine halbe Stunde später hat er Hunger, keinen Bock mehr zu sitzen und ist vor allem müde. Den letzten Kilometer bis zu unserem Airbnb in La Wantzenau legen wir mit Gebrüll zurück.
Der dritte Tag startet mit Croissants und unverändertem Sonnenschein. Uns wurde davon abgeraten, den Rhein auf der französischen Seite entlangzuradeln – „zu viel Straße, kein Rhein“. Die ersten zwei Stunden bekommen wir genau das und es strengt richtig an, dazu kommt noch Gegenwind. Dann wird es grüner und entspannter. Schwäne dümpeln auf dem Kanal neben uns, wir machen Rast an einem Karpfensee, die Mullwindeln trocken im Fahrtwind und so laufen wir schon mittags an der Rheinbrücke nach Wintersdorf ein, wo wir übernachten wollen. Nochmal Pause im Halbschatten, das Baby schleckt verkrusteten Rheinschlick von den Ufersteinen.
Radurlaub mit Baby ist kein Urlaub
Den letzten Abschnitt fahren wir wieder auf der deutschen Seite, auf schönen Wegen aber mit schlechter Laune. Den ganzen Tag durch die Gegend geschaukelt zu werden, neue Vogelstimmen zu hören, ab und zu im Wagen wegzuratzen, hier mal ein Picknick und da noch im Restaurant einkehren, jeden Abend woanders übernachten und am nächsten Morgen alles wieder packen und von vorne: Das war maximales Entertainment, auf- und anregend fürs Kind. Aber eben auch anstrengend. Umso mehr für uns – radeln, die Route checken und spontan schauen, wie weit wir wohl realistischerweise kommen und wo wir dann übernachten, alles so timen, dass der Bub zu seinen Schlafzeiten kommt und dabei selbst nicht ausruhen, sondern immer noch radeln, abends ins Bett fallen und warten, bis das von Eindrücken aufgeputschte Baby irgendwann aufgibt und einschläft, damit man endlich, endlich auch schlafen kann. Keine Zeit für Umarmungen, Ankommen, Durchatmen. Es wurde weder Tagebuch geschrieben noch gezeichnet, die Tour verlangte uns alles ab.
Selbstversuch mit Lernerfahrung
Hätten wir gedacht, dass es so anstrengend wird? Nein. Hätten wir es dann gelassen? Auch nein. Aber mehr Ruhetage eingeplant! Ein kompletter Fail war die Tour nicht, in vielerlei Hinsicht sogar ein voller Erfolg. Der Bub wirkte die meiste Zeit richtig zufrieden und hat so gut mitgemacht, wie wir es uns als bestes Szenario vorgestellt hatten. Uns hat das Radelpensum körperlich zwar erschöpft, aber wir haben die Strecken gut geschafft. Es war eben mehr ein schönes Abenteuer als Urlaub. Und endlich mal wieder was anderes als Pandemie und Krieg.