Warum bin ich immer so wütend?
Das Unwohlsein einer Mad Woman
„Das erste Jahr mit Kind ist das Härteste“, sagen die Leute. Nach drei Jahren finde ich, es wird danach nicht weniger anstrengend. Weniger wurde nur meine Energie. Meine Seele kam nicht gut darauf klar, dass durchgehend maximales Verantwortungsbewusstsein gefordert war. Sie suchte Zuflucht und fand sie in einer teeniehaften Obsession mit Taylor Swift, sang Lieder über die Liebe als Gegengift für die krasse Wut. Ich währenddessen las Mareice Kaiser und verstand, woraus sie geboren ist, diese Wut.
Falls es noch nicht offensichtlich ist: Ich bin in meiner Neofeministische-Überlastete-Mutter-Ära. Das bedeutet ich bin MÜDE. Wegen der tödlichen Mischung aus Schlafmangel, Care- und Erwerbsarbeit, und Ansprüchen an mich selbst. Auch ein bisschen wegen Mareice Kaiser, die in Worte fasst, warum ich mich dauernd ausgenutzt, übergangen, oder hintenangestellt fühle, und die meinem wachsenden Bewusstsein für die sämtlichen Gaps, die mich direkt betreffen, ein Fundament an Fakten bietet. „Das Unwohlsein der modernen Mutter“ zu lesen ist wie in einen Spiegel zu schauen. Mich in diesem Maß gesehen zu fühlen nimmt mir allerdings nicht meine Dauererschöpfung und Patriarchatsermüdung: Ich lese, verzeifle, werde wütend, schreibe, werde unglaublich müde. Dann hilft nur noch Taylor Swift. Ihr Kanon aus Sad Songs darüber, dass sie sich tausendmal wieder ruinieren würde für die Liebe eines Typen erinnert mich an vergangene Zeiten, als ich dachte, ich hätte Probleme.
„Manchmal bekommt man auch einfach eine Erschöpfungsdepression zurück“
ist das einzige Mal beim Lesen des Buchs, dass ich lachen muss. Lustig ist sie eben nicht, diese dauerhafte Anspannung. Keine Freizeit, keine Freiheit, worauf hab ich mich da eingelassen? „Ungestörtheit ist der seltenste Aggregatzustand einer Mutter“, und gleichzeitig war ich nie so einsam wie in vielen Momenten meiner Mutterschaft. Sie hat sämtliche Schwachstellen schonungslos freigelegt. Ich hatte zum Beispiel schon immer einen hohen Chillbedarf. Seit drei Jahren interessiert das niemanden mehr. Meine Grundbedürfnisse werden ständig hintenangestellt, von anderen und mir selbst. Es gibt so viele Erwartungen an die moderne Mutter. ICH habe so viele Erwartungen an mich selbst als Mutter.
Mareice Kaiser bestätigt es mir: Mütter sind für Harmonie, Heimeligkeit und das Wohlbefinden aller zuständig, auf Kosten des eigenen Wohlbefindens und ohne nennenswerte Vergütung. Dabei sollte diese emotionale Arbeit anerkannt und in Gold aufgewogen werden. Es ist nämlich bestimmt wichtig, aber auch sau anstrengend, drei bis zehn Nervenzusammenbrüche am Tag aufzufangen und dabei nicht nur noch zu schreien: „halt die Klappe jetzt, ich bin auch müde!“ Danach, davor, dazwischen Erwerbsarbeit, für die Mütter oft weniger verdienen als andere Frauen und sowieso selten so viel wie Männer. Trotz hochgradiger Erschöpfung einfach weiter performen in der permanenten Überbelastung.
„Ein Leben, das von morgens bis abends aus Müssen besteht“, das fasst mein Dasein ziemlich gut zusammen. Unter dem Dauerdruck lodert das Verlangen nach Selbstbestimmtheit, aber wenn die Freiheit mal da ist, lauert auch das Bewusstsein, dass sie sehr begrenzt sein wird. Jedes bisschen Unabhängigkeit ist hart erkämpft oder verbunden mit einem enormen Organisationsaufwand, natürlich meinerseits. Was mich am meisten stresst, ist nicht die Verteilung von Betreuungszeiten oder Aufgaben. Die darunterliegende Verantwortung zu tragen, oft ungeteilt, darin besteht für mich die Ungerechtigkeit. Ich trage sie weiter und weiter, denn niemand nimmt sie mir ab.
„Mutterliebe als Konzept zu propagieren ist wichtig“
sagt Mareice Kaiser, wie sollte man sonst die Ausbeutung von Frauen rechtfertigen? Ich liebe es, Mutter zu sein. Ich hadere mit den Umständen, die ich dafür ertragen muss. Das Unwohlsein der modernen Mutter kann auch daher stammen, dass in unserer Gesellschaft immer noch Arbeit als der Sinn des Lebens empfunden wird. Bestätigung, soziale Teilhabe oder Sinnhaftigkeit ziehen viele ausschließlich aus ihrer beruflichen Tätigkeit und wissen in der freien Zeit nichts mit sich anzufangen. Anerkennung erfahren sie trotzdem. Mütter genießen dieses Privileg nicht, weil Sorgearbeit nicht anerkannt ist. Sie gilt als Liebesdienst oder bleibt einfach unsichtbar. The worst of both worlds sozusagen: zuhause läuft nichts ohne mich und gleichzeitig bin ich wirtschaftlich wie gesellschaftlich wertlos, oft unsichtbar.
And there's nothin' like a mad woman
What a shame she went mad
No one likes a mad woman
You made her like that.
„Das Unwohlsein der modernen Mutter“ hat mir wieder vor Augen geführt, wie sehr Frauen im Allgemeinen und Mütter im Speziellen immer noch benachteiligt in so vielen Bereichen sind. Sie werden einfach nicht mitgedacht in unseren „Strukturen von Männern für Männer.“ Wir sind die Sklavinnen eines Systems, das auf unserer fast unbezahlten Leistung basiert – Kinder gebären und großziehen. Es macht mich so müde, ich muss mich erstmal hinlegen. Ein bisschen Musik zur Zerstreuung? Der Soundtrack meiner Mutterschaft sind die Taylor Swift-Alben, die während der Pandemie entstanden. Darin finde ich die Gefühle meiner ersten Jahre als Mutter und erwachende Feministin wieder: Isolation, Melancholie, ohnmächtige Wut.
„Why are you always so angry?“
hat mich mal ein unbekannter Betrunkener in einem polnischen Hostel gefragt. Kurz fühlte ich mich in einer verborgenen Wahrheit ertappt – ich war schon immer oft wütend. Je mehr ich lerne, desto mehr vermute ich, es ist kein Wesenszug, sondern ein unbewusster Aufstand gegen das Patriarchat. Ich hatte keine Lust, ein nettes Mädchen zu sein für irgendwelche Typen, und ich habe keine Lust, die Frau zu sein, die alles schafft: Kind und Job, Beziehung und Freundschaften, für andere da sein.
„No deal, the 1950s shit they want from me“
Aber was ist die Alternative? Mareice Kaiser und andere Feminist*innen fordern „politische, auch steuerliche Visionen, die von gleichberechtigter Elternschaft ausgehen und berücksichtigen, dass die am stärksten wachsende Familienform Ein-Eltern-Familien sind.“ Es gibt ja genug Ansätze: Gute, verlässliche Kinderbetreuung, Männer, die mehr Fürsorgetätigkeiten übernehmen, die Abschaffung des Ehegattensplitting und Förderung der Bevölkerungsgruppen, die wirklich Unterstützung benötigen. Die Abschaffung der 40-Stunden-Woche.
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Es gibt die Ideen, aber irgendwie nicht genug Mitstreiter*innen. Und „unsere privaten Entscheidungen treffen wir nicht einfach so. Wir treffen sie vor dem Hintergrund politischer Rahmenbedingungen.“ Deswegen wäre es schön, wenn ALLE mal ihre Mütterlichkeit finden würden: Väter, Vorgesetzte, Politiker*innen. Ich sehne diese Zeit herbei, wenn wir endlich kapitalistische Glaubenssätze, patriarchale Strukturen und Gendervorstellungen in den Wind schießen und uns einfach unserer Menschlichkeit ergeben. Wenn alle in ihrer Mother-Ära sind: für Kinder, für Erwachsene, für sich selbst.